Finanzmodell für SaaS Startups: MRR, Kohorten und Revenue Recognition richtig modellieren

Ein technischer Leitfaden für die Finanzmodellierung von Software-as-a-Service Geschäftsmodellen

Was macht SaaS aus Modellierungssicht besonders?

SaaS ist eines der am häufigsten modellierten Geschäftsmodelle. Und gleichzeitig eines, bei dem die meisten Fehler passieren.

Der Grund: SaaS sieht auf den ersten Blick einfach aus. Kunden zahlen monatlich, der Umsatz ist recurring, die Kosten sind überschaubar. Aber unter der Oberfläche versteckt sich Komplexität.

Die Herausforderung liegt in drei Bereichen:

Erstens: Kundenverhalten. Kunden kommen, bleiben eine Weile, und irgendwann gehen sie. Dieses Verhalten über Zeit zu modellieren erfordert Kohorten-Logik. Ohne Kohorten ist dein MRR eine Blackbox.

Zweitens: Revenue Recognition. Wenn ein Kunde ein Jahresabo kauft, hast du sofort Cash, aber der Umsatz verteilt sich über 12 Monate. Diese Unterscheidung ist nicht optional, sie ist buchhalterisch zwingend.

Drittens: Die richtigen KPIs. MRR, ARR, Churn, NRR, LTV, CAC, Payback. SaaS hat mehr etablierte Metriken als die meisten anderen Geschäftsmodelle. Dein Modell muss sie korrekt berechnen.

In diesem Artikel zeige ich dir, wie du ein SaaS-Finanzmodell von Grund auf aufbaust. Mit Kohorten, korrekter Revenue Recognition und allen relevanten KPIs.

Das SaaS Geschäftsmodell verstehen

Bevor wir modellieren, müssen wir das Geschäftsmodell verstehen.

Wie verdient ein SaaS-Unternehmen Geld?

Kunden zahlen regelmäßig für den Zugang zu einer Software. Die Zahlung kann monatlich oder jährlich erfolgen. Es gibt keine einmalige Lizenz, kein Eigentum. Der Kunde mietet die Software.

Die Customer Journey

Das Besondere: Nach dem initialen Sale beginnt die eigentliche Arbeit. Der Kunde muss bleiben. Jeder Monat, den ein Kunde bleibt, generiert Umsatz. Jeder Kunde, der kündigt, ist verlorener wiederkehrender Umsatz.

🎯
Marketing
👥
Leads
💼
Sales
Kunde
🚀
Onboarding
💻
Nutzung
🔄
Renewal

Detailtiefe je nach Unternehmensphase

Je nach Phase des Unternehmens sollte das Finanzmodell unterschiedliche Detailtiefe haben.

🌱

Pre-Revenue

In dieser Phase macht es wenig Sinn, sich im Detail über den Customer Funnel Gedanken zu machen. Du hast noch keine Erfahrungswerte. Das Modell sollte einfach bleiben: Annahmen zu Kundenzahlen und Pricing, mehr nicht.

🚀

Erste Kunden

Du hast erste Daten. Jetzt kannst du den Funnel modellieren: Leads, Organic vs. Paid, Conversion Rates, Onboarding Duration, Trial-to-Contract. Du kannst Annahmen mit echten Zahlen validieren.

📈

Skalierung

Volle Detailtiefe nötig: Kohorten-Analyse, Channel-spezifische CAC, Expansion Revenue, Churn nach Kundensegment. Das Modell zeigt, welche Hebel funktionieren.

Modell-Struktur für SaaS

Für ein SaaS-Modell empfehle ich folgende Sheet-Struktur:

Sheet Inhalt
Assumptions Alle Inputs zentral
Cohorts Kundenentwicklung über Zeit
Revenue MRR/ARR Berechnung, Revenue Recognition
Costs OpEx nach Kategorie
P&L Gewinn- und Verlustrechnung
Cashflow Cash Flow Statement
Balance Sheet Bilanz
KPIs Dashboard mit allen Metriken

Zeitachse: Monatlich für die ersten 24-36 Monate, dann optional quartalsweise oder jährlich.

Besonderheit: Das Kohorten-Sheet ist das Herzstück. Von hier aus wird alles andere abgeleitet.

Revenue Modellierung: Das Herzstück des SaaS-Modells

Die Revenue-Modellierung ist bei SaaS der komplexeste und wichtigste Teil. Hier entscheidet sich, ob dein Modell die Realität abbildet oder nicht.

Schritt 1: Kunden-Akquisition definieren

Alles beginnt mit neuen Kunden. Im Assumptions-Sheet definierst du die wichtigsten Inputs:

📋 Assumptions: Kunden-Akquisition

Parameter Jahr 1 Jahr 2 Jahr 3
Neue Kunden / Monat 10 25 50
Monatsabo Preis €500 €500 €550
Jahresabo Preis €5.000 €5.000 €5.500
Anteil Jahresabos 30% 40% 50%
Monthly Churn 5% 4% 3%

Blaue Werte = Inputs (im Excel manuell anpassbar)

Schritt 2: Kohorten-Matrix aufbauen

Eine Kohorte ist die Gruppe von Kunden, die in einem bestimmten Monat gewonnen wurde. Für jede Kohorte trackst du, wie viele Kunden über Zeit aktiv bleiben.

📊 Kohorten-Matrix: Aktive Kunden

Kohorte M1 M2 M3 M4 M5 M6
Januar 10 9 8 8 7 7
Februar - 12 11 10 9 9
März - - 15 13 12 11
April - - - 14 12 11
Gesamt Aktiv 10 21 34 45 40 38

Orange markiert = Neue Kunden der Kohorte

Die Churn-Logik

Es gibt zwei Ansätze:

Ansatz 1: Konstanter monatlicher Churn

Aktive Kunden (t) = Aktive Kunden (t-1) × (1 - Monthly Churn Rate)

Beispiel: 5% monatlicher Churn bedeutet, dass jeden Monat 5% der Kunden kündigen.

Ansatz 2: Kohortenspezifischer Churn (realistischer)

Neue Kunden kündigen häufiger als etablierte Kunden:

📉 Typische Retention-Kurve

M1 100%
M2 70%
M3 60%
M4 54%
M5 51%
M6 49%
M12 46%

Wer die ersten Monate übersteht, bleibt tendenziell länger.

Schritt 3: MRR berechnen

MRR (Monthly Recurring Revenue) ist die zentrale Metrik. Die Berechnung:

MRR = Summe aller aktiven Kunden × jeweiliger monatlicher Vertragswert

Bei unterschiedlichen Pricing Tiers:

MRR = (Kunden Basic × Preis Basic) + (Kunden Pro × Preis Pro) + (Kunden Enterprise × Preis Enterprise)

MRR Movements

Für ein vollständiges Bild brauchst du die MRR-Bewegungen:

📈 MRR Bridge: März

€15.000
Beginning MRR
+€5.000
New MRR
+€1.500
Expansion
-€2.500
Churn
€19.000
Ending MRR
€15.000 + €5.000 + €1.500 - €2.500 = €19.000

Schritt 4: Revenue Recognition

Jetzt wird es wichtig: MRR ist nicht gleich Umsatz.

Wenn ein Kunde im Januar ein Jahresabo für 12.000€ kauft:

💰 Revenue Recognition: Jahresabo €12.000

Metrik Jan Feb Mär ... Dez Summe
💵 Cashflow €12.000 €0 €0 ... €0 €12.000
📊 Revenue €1.000 €1.000 €1.000 ... €1.000 €12.000
📋 Deferred Rev. €11.000 €10.000 €9.000 ... €0 -

Die Buchungslogik

Bei Zahlung:

Cash +12.000€
Deferred Revenue +12.000€ (Verbindlichkeit!)

Jeden Monat:

Deferred Revenue -1.000€
Revenue +1.000€

Im Modell

Du brauchst separate Berechnungen für:

  • Billings (was der Kunde zahlt, wann er zahlt)
  • Revenue (wann Umsatz realisiert wird)
  • Deferred Revenue (was noch nicht realisiert ist)

Kosten Modellierung

Die Kostenstruktur bei SaaS ist vergleichsweise einfach. Die meisten Kosten sind fix oder semi-variabel.

CoGS (Cost of Goods Sold)

Bei SaaS sind die direkten Kosten minimal:

Hosting / Cloud Infrastructure (AWS, Azure, GCP)
Customer Support (direkt zuordenbar)
Payment Processing Fees

Typische Berechnung:

CoGS = X% vom Revenue (oft 10-25%)

Operating Expenses

SaaS-Unternehmen strukturieren OpEx typischerweise in drei Kategorien:

R&D (Research & Development)

Engineering Gehälter
Product Management
QA / Testing

Typisch: 20-30% vom Revenue

S&M (Sales Marketing)

Sales Team + Kommissionen
Marketing (Paid, Content)
Customer Success

Typisch: 30-50% vom Revenue

G&A (General & Administrative)

Management
Finance / HR / Legal
Office / IT

Typisch: 10-15% vom Revenue

Headcount-basierte Planung

Der größte Kostenblock sind Gehälter. Plane Headcount pro Abteilung:

Kosten = Anzahl FTEs × Durchschnittsgehalt × (1 + Lohnnebenkosten)

Skalierungseffekte

SaaS hat starke Skaleneffekte. Mit wachsendem Revenue:

  • CoGS wächst unterproportional (Hosting skaliert)
  • R&D wächst unterproportional (Produkt ist gebaut)
  • S&M kann proportional bleiben oder sinken
  • G&A wächst stark unterproportional

Das bedeutet: Die Gross Margin bleibt stabil oder steigt, die Operating Margin verbessert sich mit Skalierung.

Besonderheiten bei SaaS

Working Capital: Deferred Revenue

Die wichtigste Working Capital Position bei SaaS ist Deferred Revenue (Rechnungsabgrenzungsposten).

Bei Jahresverträgen:

  • Du bekommst Cash sofort
  • Du schuldest dem Kunden 12 Monate Service
  • Diese Schuld steht als Verbindlichkeit in der Bilanz

Das ist positiv für den Cashflow: Du hast das Geld, bevor du die Leistung erbringst.

CapEx: Minimal

SaaS-Unternehmen haben kaum CapEx:

  • Server werden gemietet (Cloud = OpEx)
  • Software wird abonniert (OpEx)
  • Büroausstattung ist minimal

Finanzierung: Equity-lastig

SaaS-Startups werden typischerweise mit Equity finanziert:

  • Angels und VCs verstehen das Modell
  • Recurring Revenue ist gut planbar
  • Hohe Margen bei Skalierung

Fremdkapital kommt später:

  • Revenue-Based Financing (% vom MRR als Rückzahlung)
  • Venture Debt (nach Series A/B)
  • Klassische Kredite (erst bei Profitabilität)

Die drei Statements bei SaaS

P&L Besonderheiten

Revenue (nicht Billings!)
- CoGS
= Gross Profit

- R&D
- S&M
- G&A
= EBITDA

- D&A (minimal bei SaaS)
= EBIT

- Interest
- Tax
= Net Income

Wichtig: Revenue ist der realisierte Umsatz, nicht die Billings. Bei hohem Wachstum mit Jahresverträgen ist Billings > Revenue.

Cashflow Besonderheiten

Der Operating Cashflow bei SaaS ist oft besser als der Gewinn vermuten lässt:

Net Income
+ Increase in Deferred Revenue (Vorauszahlungen!)
= Operating Cashflow

Bei Wachstum mit Jahresverträgen:

  • Neue Jahresverträge bringen Cash sofort
  • Revenue wird erst über Zeit realisiert
  • Deferred Revenue wächst → positiver Cashflow-Effekt

Balance Sheet Besonderheiten

Passivseite:

Deferred Revenue (kurzfristig): Anteil der nächsten 12 Monate
Deferred Revenue (langfristig): Anteil > 12 Monate (selten bei SaaS)

Aktivseite:

  • Hoher Cash-Bestand (Funding + Vorauszahlungen)
  • Wenig Anlagevermögen
  • Ggf. kapitalisierte Entwicklungskosten

KPIs für SaaS

SaaS hat mehr etablierte KPIs als fast jedes andere Geschäftsmodell. Hier die wichtigsten:

Revenue Metriken

KPI Formel Benchmark
MRR Summe aller monatlichen Zahlungen -
ARR MRR × 12 -
NRR (MRR + Exp. - Contr. - Churn) / MRR >100%, >120% top
GRR (MRR - Contr. - Churn) / MRR >85%, >90% top

Unit Economics

KPI Formel Benchmark
CAC S&M Kosten / Neue Kunden Variiert
LTV ARPU × GM / Monthly Churn -
LTV/CAC LTV / CAC >3x
CAC Payback CAC / (ARPU × GM) <12 Mon.

📊 KPI Dashboard Beispiel

MRR
€47.500
↑ 12%
ARR
€570k
↑ 85%
Churn
4.2%
↓ 0.9%
NRR
108%
Ziel >100%
LTV/CAC
3.8x
Ziel >3x
Rule of 40
52%
85% + (-33%)

Komplexitäts-Übersicht: SaaS

Revenue Modell
Komplex
CoGS
Einfach
OpEx
Moderat
Working Capital
Mittel
CapEx
Einfach
Finanzierung
Moderat
KPIs
Komplex

Wo investierst du die meiste Zeit?

  1. Kohorten-Matrix und Churn-Logik - Das Fundament deines Modells
  2. Revenue Recognition - Unterscheidung Billing vs. Revenue
  3. KPI-Berechnung - Alle Metriken korrekt verknüpfen

Der Rest (CoGS, CapEx, Finanzierung) kann relativ einfach gehalten werden.

Häufige Fehler bei SaaS-Modellen

Fehler 1: Billings mit Revenue verwechseln

Wenn ein Kunde 12.000€ für ein Jahresabo zahlt, ist das nicht 12.000€ Umsatz im Januar. Es sind 1.000€ Umsatz pro Monat. Die Verwechslung führt zu völlig falschen Bewertungen und KPIs.

Fehler 2: Churn unterschätzen

Viele Modelle nehmen optimistische 2-3% monatlichen Churn an. In der Realität, besonders bei SMB-Kunden, sind 5-10% realistischer. Über 12 Monate macht das einen enormen Unterschied.

Fehler 3: Keine Kohorten modellieren

Ohne Kohorten ist MRR eine Blackbox. Du siehst nicht, woher Wachstum oder Verlust kommt. Das macht das Modell unbrauchbar für Szenario-Analysen.

Fehler 4: Deferred Revenue vergessen

Wenn Deferred Revenue nicht in der Bilanz steht, geht die Bilanz nicht auf. Es ist eine Verbindlichkeit, die bei Jahresverträgen erheblich sein kann.

Fehler 5: LTV/CAC falsch berechnen

Häufige Fehler:

  • LTV ohne Gross Margin berechnen
  • CAC ohne alle S&M Kosten
  • Churn Rate und LTV-Berechnung inkonsistent

Fazit

Ein SaaS-Finanzmodell ist im Kern ein Kohorten-Modell. Wenn du die Kohorten-Logik richtig aufbaust, fällt der Rest an seinen Platz.

Die wichtigsten Punkte:

1. Kohorten sind das Fundament. Ohne sie verstehst du nicht, wie sich dein MRR entwickelt.

2. Billing ≠ Revenue. Diese Unterscheidung ist nicht optional, sondern buchhalterisch zwingend.

3. Deferred Revenue ist eine Verbindlichkeit. Sie gehört auf die Passivseite der Bilanz.

4. KPIs korrekt berechnen. SaaS-Investoren kennen die Metriken. Falsche Berechnungen fallen auf.

5. Churn ist der Hebel. Kleine Änderungen in der Churn-Rate haben massive Auswirkungen auf den langfristigen Wert.

Wenn du diese fünf Punkte beherrschst, hast du ein solides SaaS-Modell.

Du brauchst ein SaaS-Finanzmodell für deine nächste Finanzierungsrunde? Melde dich bei mir. Ich helfe dir, Kohorten, MRR und alle KPIs sauber aufzusetzen.

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