Finanzmodell für E-Commerce: Working Capital, Inventory und Marketing Funnel richtig modellieren

Ein technischer Leitfaden für die Finanzmodellierung von Online-Handel mit physischen Produkten

Was macht E-Commerce aus Modellierungssicht besonders?

E-Commerce sieht auf den ersten Blick simpel aus. Kunden kaufen Produkte, du lieferst, fertig. Aber unter der Oberfläche versteckt sich eine der größten Herausforderungen in der Finanzmodellierung: Working Capital.

Bei einem E-Commerce Unternehmen mit physischen Produkten liegt das Geld nicht auf dem Konto. Es liegt im Lager. Es liegt im Container auf dem Schiff. Es liegt in der Ware, die erst in drei Monaten verkauft wird.

Die Herausforderung liegt in drei Bereichen:

Erstens: Inventory Management. Du musst Ware bestellen, bevor du sie verkaufst. Bei Import aus Asien liegt die Vorlaufzeit bei 3-4 Monaten. Das Geld ist gebunden, lange bevor der erste Euro Umsatz fließt.

Zweitens: Marketing Funnel. Der Umsatz entsteht nicht von alleine. Du brauchst Traffic, und Traffic kostet Geld. Google Ads, Social Media, SEO. Die Conversion Rate bestimmt, wie viel Umsatz aus deinem Marketing Budget wird.

Drittens: Fulfillment Kosten. Lager, Versand, Retouren. Diese Kosten skalieren mit dem Volumen, aber nicht linear. Ein gutes Modell muss fixe, semi-variable und variable Kosten unterscheiden.

In diesem Artikel zeige ich dir anhand eines konkreten Beispiels, wie du ein E-Commerce Finanzmodell von Grund auf aufbaust.

Das Beispiel: Online-Shop für Bürostühle

Um die Konzepte greifbar zu machen, arbeiten wir mit einem konkreten Beispiel: Ein Online-Shop verkauft ergonomische Bürostühle. Die Stühle werden in China produziert und in vollen Containern nach Deutschland importiert. Ein 40-Fuß-Container fasst etwa 200 Stühle.

Unser Beispiel: Bürostühle Online

Verkaufspreis
€499
Einkaufspreis (EXW)
€120
Landed Cost
€165
Lead Time
12 Wochen

Die Wertschöpfungskette

Produktion
China
Transit
6-8 Wochen
Lager
Fulfillment
Bestellung
Online
Versand
2-3 Tage
Zahlung
Sofort

Das Cash Flow Timing Problem

Das Kernproblem bei E-Commerce mit Import wird in der Timeline deutlich:

⏱️ Cash Flow Timeline: Eine Bestellung

0
Woche 0
Anzahlung
-€24.000
4
Woche 4
Restzahlung
-€9.000
8
Woche 4-10
Transit
Ware unterwegs
12
Woche 12
Im Lager
Verkaufsbereit
18
Woche 12-24
Verkauf
+€99.800
Das Problem: €33.000 Cash Out in Woche 0-4, aber Cash In erst ab Woche 12. Das sind 3 Monate Vorfinanzierung pro Container.

Detailtiefe je nach Unternehmensphase

Pre-Revenue

Fokus auf initiale Kapitalbindung und Break-Even. Einfache Annahmen zu Verkaufszahlen reichen.

Erste Kunden

Jetzt wird der Marketing Funnel relevant. Conversion Rates, CAC, Retourenquote mit echten Daten.

Skalierung

Volle Komplexität: Inventory Planning, Container-Staffelung, Working Capital Optimierung.

Modell-Struktur für E-Commerce

Für ein E-Commerce Modell mit Import empfehle ich folgende Sheet-Struktur:

Sheet Inhalt
Assumptions Alle Inputs zentral
Traffic & Revenue Marketing Funnel, Conversion, Umsatz
Inventory Bestellungen, Transit, Lagerbestand
CoGS & Fulfillment Wareneinsatz, Versand, Lagerkosten
Working Capital Inventory, Kreditlinie, Cash Cycle
P&L Gewinn- und Verlustrechnung
Cashflow Cash Flow Statement
Balance Sheet Bilanz
KPIs Dashboard mit allen Metriken

Zeitachse: Monatlich. Bei E-Commerce mit saisonalen Schwankungen ist eine monatliche Betrachtung wichtig.

Besonderheit: Das Inventory Sheet ist das Herzstück. Hier wird die Kapitalbindung sichtbar.

Revenue Modellierung: Der Marketing Funnel

Bei E-Commerce kommt der Umsatz nicht von alleine. Du musst Traffic generieren und diesen Traffic in Kunden konvertieren.

Marketing Funnel

Website Besucher
5.000
Warenkorb
250
5% Add-to-Cart Rate
Checkout
125
50% Checkout Rate
Bestellungen
112
90% Conversion
5.000 × 5% × 50% × 90% = 112 Bestellungen = €56.137 Umsatz

Traffic Quellen

Kanal Besucher Anteil CPC Kosten
Google Ads 2.000 40% €0,80 €1.600
Social Media Ads 1.500 30% €0,50 €750
Organic / SEO 1.000 20% €0 €0
Direct / Referral 500 10% €0 €0
Gesamt 5.000 100% Ø €0,47 €2.350

Die Conversion Rate ist der entscheidende Hebel. Eine Verbesserung von 1% auf 1,5% bedeutet 50% mehr Umsatz bei gleichen Marketing-Kosten.

CoGS Modellierung: Landed Cost + Returns

Die Cost of Goods Sold bei E-Commerce sind mehr als nur der Einkaufspreis. Du musst alle Kosten bis zur Verkaufsbereitschaft berücksichtigen.

Landed Cost pro Bürostuhl

Einkaufspreis (EXW China) €120,00
Fracht (Container / 200 Stühle) €20,00
Zoll (12%) €14,40
Handling & Einlagerung €10,00
Landed Cost €164,40

Retouren einkalkulieren

Bei Möbeln liegt die Retourenquote typischerweise bei 5-10%. Das beeinflusst die effektiven CoGS:

Effektive CoGS = Landed Cost + (Retourenquote × Retourenkosten)

Bei 8% Retouren und €25 Retourenkosten pro Stuhl:
€164,40 + (8% × €25) = €166,40

Die Retourenkosten umfassen Rückversand, Prüfung, Wiedereinlagerung und ggf. Wertminderung bei Beschädigung.

Fulfillment Kosten: Fix, Semi-Variabel und Variabel

Die Fulfillment-Kosten sind einer der komplexeren Bereiche. Sie bestehen aus drei Komponenten:

Fixkosten

Grundmiete Lagerfläche
Basis-Personal
IT-Systeme / WMS

€5.000 / Monat
Unabhängig vom Volumen

Semi-Variabel

Zusätzliche Fläche
Steigt stufenweise
Pro m³ oder Palette

€15 / m³ / Monat
1 Stuhl ≈ 0,5 m³ = €7,50

Variabel

Pick & Pack
Versandkosten
Verpackung

€45 / Bestellung
Pick €5 + Versand €35 + Mat. €5
Fulfillment = Fix + (Lagerbestand × Lagerkosten/Stück) + (Bestellungen × Versandkosten)

Beispiel bei 400 Stühlen auf Lager und 200 Bestellungen:
€5.000 + (400 × €7,50) + (200 × €45) = €17.000

Working Capital: Das Herzstück des E-Commerce Modells

Hier liegt die eigentliche Komplexität. Bei E-Commerce mit Import ist das Working Capital der größte Kapitalbedarf, nicht die Fixkosten.

Die drei Inventory-Stufen

Dein Kapital ist zu jedem Zeitpunkt in drei Stufen gebunden:

In Produktion
Anzahlung geleistet
200 Stück
€24.000 gebunden
In Transit
Voll bezahlt, unterwegs
400 Stück
€66.000 gebunden
Im Lager
Verkaufsbereit
300 Stück
€49.500 gebunden
Gesamt gebundenes Kapital: €139.500

Inventory Planning im Modell

Inventory Movement: Q1

Position Jan Feb Mär
In Produktion 200 0 200
In Transit 200 400 200
Im Lager 200 100 280
Gesamt Inventory 600 500 680

Die Kreditlinie modellieren

Um das Working Capital zu finanzieren, nutzt unser Beispiel eine Kreditlinie:

Wenn Cash < Minimum → Kreditlinie ziehen
Wenn Cash > Threshold → Kreditlinie tilgen
Zinsen = Durchschnittlicher Saldo × Zinssatz / 12

Kreditlinie: Q1

Position Jan Feb Mär
Saldo Kredit €65.000 €45.000 €30.000
Zinsen (8% p.a.) €433 €367 €250

Zinsen werden monatlich auf den Durchschnittssaldo berechnet

Die drei Statements bei E-Commerce

P&L Besonderheiten

Revenue (Netto nach Retouren)
- CoGS (Landed Cost der verkauften Ware)
= Gross Profit

- Marketing
- Fulfillment (variabel)
= Contribution Margin

- Fulfillment (fix)
- Personal & Overheads
= EBITDA

- Zinsen (Kreditlinie)
- Steuern
= Net Income

Wichtig: CoGS sind nur die Kosten der tatsächlich verkauften Ware, nicht der bestellten Ware. Die Differenz liegt im Inventory.

Cashflow Besonderheiten

Der Cash Flow bei E-Commerce ist oft schlechter als der Gewinn:

Net Income
- Increase in Inventory (Kapitalbindung!)
+ Increase in Accounts Payable
= Operating Cashflow

Bei Wachstum: Inventory wächst schneller als der Gewinn. Das frisst Cash.

Balance Sheet Besonderheiten

Aktivseite: Cash (oft knapp), Inventory (größte Position!), wenig Anlagevermögen

Passivseite: Kreditlinie, Verbindlichkeiten L&L, Eigenkapital

KPIs für E-Commerce

Marketing & Conversion

KPI Formel Benchmark
Conversion Rate Bestellungen / Besucher 1-3%
CAC Marketing / Neukunden <30% AOV
ROAS Revenue / Ad Spend >4x
Inventory Turnover CoGS / Ø Inventory >4x p.a.

KPI Dashboard Beispiel

Revenue
€374k
↑ 15%
Conversion
1,5%
↑ 0,2%
ROAS
4.2x
Ziel >4x
Gross Margin
67%
Ziel >50%
Inv. Turnover
5.2x
Ziel >4x
Return Rate
8%
↓ 2%

Komplexitäts-Übersicht: E-Commerce

Revenue Modell
Moderat
CoGS
Mittel
Fulfillment
Mittel
Working Capital
Komplex
CapEx
Einfach
Finanzierung
Moderat
KPIs
Mittel

Wo investierst du die meiste Zeit?

  1. Inventory Planning - Bestellzyklen, Transit, Lagerbestand
  2. Working Capital Modellierung - Cash Conversion Cycle, Kreditlinie
  3. Marketing Funnel - Traffic-Quellen, Conversion, CAC

Häufige Fehler bei E-Commerce Modellen

Fehler 1: Inventory = Bestellungen

Viele modellieren nur den Lagerbestand, nicht die Ware in Produktion und Transit. Das unterschätzt die Kapitalbindung massiv. Bei 12 Wochen Lead Time ist 2/3 deines Inventorys unterwegs, nicht im Lager.

Fehler 2: Working Capital unterschätzen

Wachstum braucht Kapital. Wenn du den Umsatz verdoppeln willst, musst du auch das Inventory verdoppeln. Das Geld muss 3 Monate vor dem Verkauf fließen. Viele Modelle zeigen Gewinn, aber der Cash reicht nicht.

Fehler 3: Retouren vergessen

8% Retourenquote klingt wenig. Aber bei €499 pro Stuhl sind das €40 pro verkauftem Stuhl, die wieder reinkommen, geprüft, eingelagert oder abgeschrieben werden müssen.

Fehler 4: Fulfillment als rein variable Kosten

Lagerkosten sind nicht rein variabel. Du zahlst für Fläche, auch wenn sie nicht voll ist. Ein gutes Modell unterscheidet fixe Basiskosten, semi-variable Flächenkosten und variable Versandkosten.

Fehler 5: Saisonalität ignorieren

E-Commerce hat oft starke saisonale Schwankungen. Du musst vor der Hochsaison Inventory aufbauen (Cash Out), aber die Einnahmen kommen erst in der Saison.

Fazit

Ein E-Commerce Finanzmodell ist im Kern ein Working Capital Modell. Wenn du die Inventory-Logik und den Cash Cycle richtig aufbaust, fällt der Rest an seinen Platz.

Die wichtigsten Punkte:

1. Inventory hat drei Stufen. Produktion, Transit, Lager. Alle drei binden Kapital.

2. Lead Time bestimmt den Kapitalbedarf. 12 Wochen Lead Time = 3 Monate Vorfinanzierung pro Container.

3. Der Marketing Funnel ist planbar. Traffic × Conversion = Bestellungen. Kleine Verbesserungen haben große Auswirkungen.

4. Fulfillment ist nicht rein variabel. Unterscheide fixe, semi-variable und variable Kosten.

5. Wachstum frisst Cash. Bei E-Commerce wächst der Kapitalbedarf schneller als der Gewinn.

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