Ein praktischer Leitfaden für die korrekte Modellierung von Fremdkapital, hybriden Instrumenten und Equity
Warum Finanzierung im Modell oft falsch abgebildet wird
Finanzierung ist der Teil des Finanzmodells, bei dem die meisten Fehler passieren. Nicht weil die Konzepte so kompliziert sind, sondern weil viele Modellierer die Zusammenhänge zwischen den drei Statements nicht richtig verstehen.
Der klassische Fehler: Tilgung wird als Aufwand in der GuV gebucht. Das Ergebnis? Der Gewinn ist zu niedrig und die Bilanz geht nicht auf. Ich sehe das regelmäßig, auch bei Modellen von erfahrenen Controllern.
Ein anderer häufiger Fehler: Wandeldarlehen werden vor und nach der Wandlung identisch behandelt. Dabei ändert sich fundamental, wo das Kapital in der Bilanz steht.
In diesem Artikel zeige ich dir, wie du die wichtigsten Finanzierungsarten korrekt modellierst. Nicht theoretisch, sondern praktisch: Welche Zeile gehört wo? Wie verknüpfst du die Statements? Welche KPIs sind relevant?
Die Grundlagen: Wie Finanzierung die drei Statements beeinflusst
Bevor wir in die einzelnen Finanzierungsarten einsteigen, müssen wir die Grundlogik verstehen. Jede Finanzierung beeinflusst alle drei Statements, aber auf unterschiedliche Weise.
P&L (Gewinn und Verlustrechnung)
In der P&L erscheinen nur Aufwände und Erträge. Bei Finanzierung bedeutet das vor allem: Zinsen. Zinsen sind Aufwand und reduzieren den Gewinn. Was nicht in die P&L gehört: Tilgung, Auszahlung von Krediten, Kapitaleinzahlungen. Das sind keine Aufwände, sondern Bewegungen von Kapital.
Cashflow Statement
Hier wird es interessanter. Der Cashflow zeigt alle Geldbewegungen, aufgeteilt nach Operating, Investing und Financing. Finanzierungsbezogene Flows landen im Financing Cashflow: Kreditauszahlungen, Tilgungen, Kapitaleinzahlungen, Dividenden. Die Zinszahlungen können im Operating oder Financing Cashflow stehen, je nach Standard.
Balance Sheet (Bilanz)
Die Bilanz zeigt den Bestand zu einem Zeitpunkt. Auf der Passivseite stehen Verbindlichkeiten (Fremdkapital) und Eigenkapital. Jede Finanzierung verändert diese Seite. Ein neuer Kredit erhöht die Verbindlichkeiten. Eine Kapitaleinzahlung erhöht das Eigenkapital. Tilgung reduziert die Verbindlichkeiten.
Die goldene Regel
Wenn diese Gleichung nicht aufgeht, ist irgendwo ein Fehler. Meistens in der Finanzierungslogik.
Fremdkapital modellieren
Fremdkapital ist der einfachste Fall, wird aber trotzdem oft falsch gemacht. Hier die wichtigsten Varianten.
Tilgungsdarlehen
Das klassische Bankdarlehen. Du bekommst einen Betrag, zahlst regelmäßig Zinsen und Tilgung, bis der Kredit abbezahlt ist. Es gibt zwei Varianten: Annuitätendarlehen (gleichbleibende Rate) und lineares Darlehen (gleichbleibende Tilgung).
P&L Modellierung:
Nur die Zinsen erscheinen in der P&L. Die Berechnung ist einfach:
Bei monatlicher Modellierung durch 12 teilen. Die Tilgung hat keinen P&L Effekt. Das ist der wichtigste Punkt. Tilgung ist keine Ausgabe im buchhalterischen Sinn, sondern eine Rückzahlung von Kapital.
Cashflow Modellierung:
Im Financing Cashflow erscheinen zwei Zeilen:
Tilgung (Outflow, regelmäßig)
Die Zinszahlung kann im Operating oder Financing Cashflow stehen. Wichtig ist Konsistenz.
Balance Sheet Modellierung:
Die Restschuld steht auf der Passivseite als Verbindlichkeit. Die Logik:
+ Drawdown
− Tilgung
= Closing Balance
Achte auf die Aufteilung in kurzfristig (< 12 Monate) und langfristig (> 12 Monate). Die Tilgung der nächsten 12 Monate gehört in die kurzfristigen Verbindlichkeiten.
Wichtige KPIs:
DSCR (Debt Service Coverage Ratio): Operativer Cashflow geteilt durch Schuldendienst (Zins + Tilgung). Zeigt, ob du die Raten bedienen kannst. Banken wollen typischerweise einen DSCR von mindestens 1.2x sehen.
Endfälliges Darlehen (Bullet Loan)
Bei einem Bullet Loan zahlst du während der Laufzeit nur Zinsen. Die gesamte Tilgung erfolgt am Ende auf einen Schlag.
P&L Modellierung:
Identisch zum Tilgungsdarlehen. Nur Zinsen als Aufwand.
Cashflow Modellierung:
Regelmäßige Zinszahlungen, aber keine laufende Tilgung. Am Ende der Laufzeit ein großer Abfluss für die komplette Rückzahlung.
Balance Sheet Modellierung:
Die Restschuld bleibt während der gesamten Laufzeit konstant. Erst am Fälligkeitstag fällt sie auf Null.
Das Risiko:
Du brauchst am Ende entweder genug Cash oder eine Refinanzierung. Dieses Refinanzierungsrisiko sollte im Modell sichtbar sein. Was passiert, wenn die Refinanzierung nicht klappt?
Revolving Credit Facility
Eine Kreditlinie, die du flexibel ziehen und zurückzahlen kannst. Ideal um kurzfristige Liquiditätslücken zu schließen.
P&L Modellierung:
Commitment Fee = Ungezogener Betrag × Fee Rate
Beides sind P&L Aufwände. Die Commitment Fee wird oft vergessen.
Cashflow Modellierung:
Der Revolver funktioniert als Puffer:
Wenn Cash > Minimum und Revolver gezogen → Zahle Revolver zurück
Im Modell wird der Revolver oft als "Plug" verwendet. Er gleicht automatisch Cash Lücken aus.
Balance Sheet Modellierung:
Nur der gezogene Betrag erscheint als Verbindlichkeit. Die verfügbare, aber nicht gezogene Linie ist eine Eventualverbindlichkeit und steht nicht in der Bilanz.
Typischer Modellfehler:
Der Revolver wird nicht dynamisch modelliert. Stattdessen wird ein fixer Betrag angenommen. Das führt entweder zu negativem Cash (unmöglich) oder zu unnötigen Zinszahlungen (teuer).
Mezzanine und hybride Instrumente modellieren
Mezzanine Kapital steht zwischen Fremd und Eigenkapital. Es ist nachrangig gegenüber Senior Debt, aber vorrangig gegenüber Equity. Die Modellierung ist komplexer, weil oft PIK Zinsen und Wandlungsrechte im Spiel sind.
Nachrangdarlehen mit PIK Zinsen
PIK steht für "Payment in Kind". Statt die Zinsen zu zahlen, werden sie auf die Schuld aufgeschlagen. Du zahlst also Zinsen auf Zinsen.
P&L Modellierung:
Der Zinsaufwand erscheint in der P&L, auch wenn kein Cash fließt. Das ist wichtig: PIK Zinsen sind trotzdem Aufwand.
Cashflow Modellierung:
Kein laufender Cash Outflow für Zinsen. Der gesamte Betrag (Principal + aufgelaufene PIK Zinsen) wird am Ende gezahlt.
Balance Sheet Modellierung:
Die Verbindlichkeit wächst mit der Zeit. Das ist der wesentliche Unterschied zu einem normalen Darlehen.
Wichtiger Hinweis:
PIK Zinsen können einen Zinseszinseffekt haben. Bei langer Laufzeit und hohem Zinssatz kann die Schuld erheblich wachsen. Modelliere das genau.
Wandeldarlehen (Convertible Loan)
Ein Darlehen, das bei einem Trigger Event in Eigenkapital gewandelt wird. Typisch für Startups zwischen Finanzierungsrunden.
P&L Modellierung:
Vor der Wandlung: Zinsaufwand wie bei normalem Darlehen.
Nach der Wandlung: Kein Aufwand mehr. Eigenkapital hat keine "Kosten" in der P&L.
Cashflow Modellierung:
Während Laufzeit: Meist keine Zinszahlung (PIK)
Bei Wandlung: Kein Cash Flow
Das ist wichtig: Die Wandlung ist ein reiner Buchungsvorgang. Es fließt kein Geld.
Balance Sheet Modellierung:
Vor Wandlung:
Nach Wandlung:
Passiva: Eigenkapital steigt um den gleichen Betrag
Die Wandlungslogik:
Neue Anteile = (Principal + aufgelaufene Zinsen) / Wandlungspreis
Typischer Modellfehler:
Die aufgelaufenen PIK Zinsen werden bei der Wandlung vergessen. Der Investor wandelt aber den gesamten Betrag, nicht nur das ursprüngliche Principal. Das beeinflusst die Verwässerung erheblich.
Eigenkapital modellieren
Eigenkapital ist konzeptionell einfacher als Fremdkapital, hat aber seine eigenen Herausforderungen. Vor allem wenn es um Verwässerung und Waterfall Strukturen geht.
Kapitaleinzahlungen
Eine Kapitalerhöhung bringt frisches Geld ins Unternehmen und gibt dafür Anteile aus.
P&L Modellierung:
Keine Auswirkung. Eigenkapital hat keine laufenden Kosten in der P&L. Keine Zinsen, keine Tilgung.
Cashflow Modellierung:
Bei mehreren Tranchen: Jede Tranche separat zum vereinbarten Zeitpunkt.
Balance Sheet Modellierung:
Passiva: Eigenkapital steigt (Gezeichnetes Kapital + Agio)
Die Gleichung bleibt in Balance.
Cap Table:
Neben dem Finanzmodell brauchst du einen Cap Table, der zeigt, wer wie viele Anteile hält. Nach jeder Runde ändern sich die Prozentsätze.
Equity Waterfall Grundlagen
Bei komplexeren Strukturen, vor allem in Real Estate und Private Equity, gibt es oft mehrere Investorenklassen mit unterschiedlichen Rechten. Der Waterfall regelt, wer wann wie viel bekommt.
Die typische Struktur:
Stufe 2: Preferred Return (z.B. 8% IRR Hurdle)
Stufe 3: Catch up (Sponsor holt auf)
Stufe 4: Carried Interest (z.B. 80/20 Split)
Cashflow Modellierung:
Der verfügbare Cash wird nach dieser Logik verteilt:
Verfügbarer Cash = Operating Cash − Debt Service − Reserves
Verteile nach Waterfall Logik
Typischer Modellfehler:
Die IRR Berechnung für die Hurdle wird auf Basis falscher Zeitpunkte gemacht. Oder der Catch up wird nicht korrekt implementiert. Beides führt zu falschen Ausschüttungen.
Projektfinanzierung Grundlagen
Projektfinanzierung ist ein eigenes Universum, aber die Grundprinzipien solltest du kennen. Typisch für Immobilien, Infrastruktur und erneuerbare Energien.
Construction Loan zu Senior Debt
Während der Bauphase wird ein Construction Loan gezogen. Nach Fertigstellung wird er durch langfristiges Senior Debt refinanziert.
Modellierungslogik:
Phase 1 (Bau):
Zinsen werden kapitalisiert (zum Loan addiert)
Keine Tilgung
Phase 2 (Betrieb):
Reguläre Zins und Tilgungszahlungen
Oft mit Cash Sweep Mechanismus
DSRA (Debt Service Reserve Account)
Ein Reservekonto, das Liquidität für den Schuldendienst vorhält. Typischerweise 6 Monate Zins und Tilgung.
Balance Sheet:
Der DSRA ist ein Asset (Restricted Cash). Er reduziert das frei verfügbare Cash, bietet aber Sicherheit für die Bank.
Modellierungslogik:
Auffüllen wenn DSRA < Zielwert
Wichtige KPIs in der Projektfinanzierung
DSCR (Debt Service Coverage Ratio): Cashflow für Schuldendienst geteilt durch Schuldendienst. Minimum oft 1.2x bis 1.3x.
LLCR (Loan Life Coverage Ratio): NPV der zukünftigen Cashflows geteilt durch ausstehende Schuld. Zeigt, ob das Projekt die Schulden über die gesamte Laufzeit bedienen kann.
PLCR (Project Life Coverage Ratio): Wie LLCR, aber über die gesamte Projektlaufzeit, nicht nur die Kreditlaufzeit.
Der Balance Check: Geht die Bilanz auf?
Am Ende jedes Finanzmodells steht die wichtigste Prüfung: Geht die Bilanz auf?
Das Ergebnis muss Null sein. In jeder Periode. Ohne Ausnahme.
Typische Ursachen wenn es nicht aufgeht:
- Tilgung wurde in der P&L als Aufwand gebucht
- Cash Flow wurde nicht korrekt mit der Bilanz verknüpft
- Retained Earnings stimmen nicht mit kumuliertem Net Income überein
- Bei Wandlung wurde nur eine Seite gebucht
- PIK Zinsen wurden in der Bilanz vergessen
- Unrealisierte Gewinne oder Verluste fehlen
Mein Tipp:
Baue den Balance Check von Anfang an ein. Nicht erst am Ende. Zeige den Fehler sofort an, am besten mit einer Conditional Formatting Regel, die rot wird wenn ungleich Null.
KPI Übersicht nach Finanzierungsart
| Finanzierungsart | Wichtigste KPIs | Was sie zeigen |
|---|---|---|
| Tilgungsdarlehen | DSCR, LTV | Kann ich bedienen? Wie hoch ist der Hebel? |
| Bullet Loan | ICR, Refinanzierungsrisiko | Reichen die Zinsen? Kann ich refinanzieren? |
| Revolver | Utilization, Headroom | Wie viel Puffer habe ich noch? |
| Mezzanine | Blended Cost, Total Leverage | Was kostet das Gesamtpaket? |
| Wandeldarlehen | Verwässerung, Effective Price | Was gebe ich wirklich ab? |
| Eigenkapital | IRR, Multiple, Ownership | Was ist die Rendite? Wem gehört wie viel? |
| Projektfinanzierung | DSCR, LLCR, PLCR | Erfülle ich die Covenants? |
Fazit: Die Verknüpfung macht das Modell
Ein gutes Finanzmodell zeichnet sich nicht durch komplizierte Formeln aus, sondern durch saubere Verknüpfungen. Jede Finanzierungsart beeinflusst alle drei Statements. Die Kunst liegt darin, diese Verbindungen korrekt abzubilden.
Die wichtigsten Regeln:
Tilgung ist kein Aufwand. Sie gehört in den Cashflow und reduziert die Bilanzposition, aber nicht den Gewinn.
PIK Zinsen sind trotzdem Aufwand. Auch wenn kein Cash fließt, muss der Zinsaufwand in die P&L.
Bei Wandlung ändern sich zwei Bilanzpositionen. Verbindlichkeiten runter, Eigenkapital rauf. Kein Cash Flow.
Die Bilanz muss immer aufgehen. Wenn nicht, ist ein Fehler in der Finanzierungslogik die wahrscheinlichste Ursache.
Wenn du diese Grundlagen beherrschst, kannst du jede Finanzierungsstruktur modellieren. Von einfachen Bankkrediten bis zu komplexen Projektfinanzierungen mit Waterfall.
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