Finanzplan für Startups: Warum dein Geschäftsmodell wichtiger ist als die Funding Phase

Ein praktischer Leitfaden für Gründer, die verstehen wollen, was sie wirklich finanzieren müssen

Die meisten Finanzplan Artikel gehen am Thema vorbei

Wenn du “Finanzplan Startup” googelst, findest du hunderte Artikel. Die meisten erklären dir, was Pre-Seed, Seed und Series A bedeuten. Sie zeigen dir Tabellen mit typischen Bewertungen pro Phase. Sie reden über Runway, Burn Rate und Dilution.

Das ist alles nicht falsch. Aber es geht am eigentlichen Thema vorbei.

Denn die Wahrheit ist: Funding Phasen sind Marketing Begriffe, keine Finanzplan Kategorien. Sie sagen dir wenig darüber, wie dein Finanzplan aussehen sollte. Was wirklich zählt, ist dein Geschäftsmodell. Und die Frage: Was will ich finanzieren und wie viel Risiko hat es?

Funding Phasen sind für deinen Finanzplan irrelevant

Pre-Seed, Seed, Series A, Series B. Diese Begriffe klingen wichtig. VCs und Startup Medien benutzen sie ständig. Aber aus Finanzsicht sind sie ziemlich bedeutungslos.

Warum? Weil sie nichts über dein Geschäft aussagen.

Ein “Seed Stage” E-Commerce Unternehmen hat komplett andere Finanzierungsbedürfnisse als ein “Seed Stage” Deep Tech Startup. Der eine braucht Geld für Warenbestand und Marketing. Der andere für Laborausrüstung und Zertifizierungen. Beide sind “Seed”, aber ihre Finanzpläne sehen völlig unterschiedlich aus.

Die Phasen beschreiben, wo du im Fundraising Zyklus stehst. Nicht, was du mit dem Geld machen willst. Und genau das ist der Punkt, an dem viele Gründer falsch abbiegen. Sie denken in Phasen statt in Geschäftslogik.

Was wirklich zählt: Dein Geschäftsmodell

Für mich als Finanzmodellierer ist eine Frage entscheidend: Wie funktioniert dein Geschäft?

Nicht: In welcher Phase bist du?
Nicht: Wie hoch ist deine Bewertung?
Sondern: Was ist die Cashflow Logik deines Unternehmens?

Der Begriff “Startup” wird heute inflationär verwendet. Ein Onlineshop für Edel-Kaffee, ein Vermögensberater, ein Immobilienentwickler, eine Vermittlungsplattform. Sind das alles Startups? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ehrlich gesagt ist mir das egal.

Was mich interessiert: Wie verdienst du Geld? Wann fließt es? Was musst du vorfinanzieren? Wie lange dauert es, bis du profitabel bist?

Diese Fragen bestimmen deinen Finanzplan. Nicht die Frage, ob du dich “Startup” nennst oder nicht.

Die zentrale Frage: Was will ich finanzieren und wie viel Risiko hat es?

Das ist der Kern jedes Finanzplans für Gründer. Nicht mehr, nicht weniger.

Geringes Risiko: Ein Handwerker kauft einen gebrauchten Sprinter und Werkzeug. Das Risiko ist überschaubar. Die Assets haben einen Wiederverkaufswert. Die Nachfrage nach Handwerksleistungen ist da. Die lokale Bank versteht das Geschäft und gibt einen Kredit.

Mittleres Risiko: Ein Gründer entwickelt ein physisches Produkt. Sagen wir einen innovativen Wasserfilter. Hier muss Entwicklung und erste Produktion finanziert werden. Das Vertriebsrisiko ist vielleicht reduziert, weil das Produkt einen klaren Nutzen hat. Aber es gibt technische Risiken. Die Bank wird skeptisch sein. Ein Investor ist wahrscheinlich nötig.

Hohes Risiko: Ein Team entwickelt eine neue Batterietechnologie. Lange Entwicklungszeit, teure Prototypen, aufwendige Zertifizierungen. Oder: Eine KI Lösung für Qualitätskontrolle. Hohe Entwicklungskosten, unklarer Markt, langer B2B Vertriebszyklus. Hier braucht es Investoren, die Risiko verstehen und mittragen.

Das Geschäftsmodell bestimmt die Fundraising Strategie. Nicht umgekehrt.

Vier Geschäftsmodelle, vier verschiedene Finanzpläne

Lass mich das an konkreten Beispielen zeigen.

Beispiel 1: E-Commerce und Handel

Situation: Du verkaufst Kaffee online. Du musst den Einkauf und die Veredelung vorab bezahlen. Erst dann kannst du verkaufen.

Die Finanzplan Logik:

Dein Hauptproblem ist Working Capital. Du zahlst deinen Lieferanten, bevor dein Kunde dich bezahlt. Diese Lücke musst du finanzieren.

Der Finanzplan dreht sich um Fragen wie: Wie viel Lagerbestand brauche ich? Wie schnell dreht sich mein Inventar? Welche Zahlungsziele habe ich bei Lieferanten? Wie lange dauert es vom Einkauf bis zum Zahlungseingang?

Die Finanzierung ist relativ unkompliziert. Warenlager ist ein Asset, das Banken verstehen. Ein Kontokorrentkredit oder Factoring können helfen. Vielleicht brauchst du gar keinen Investor, sondern nur eine clevere Working Capital Strategie.

Beispiel 2: Physisches Produkt mit Produktion

Situation: Du hast ein innovatives Wasserfiltersystem entwickelt. Für die ersten Produktionsläufe und die Vermarktung brauchst du Kapital.

Die Finanzplan Logik:

Hier gibt es zwei Phasen: Entwicklung und Skalierung. Die Entwicklung hast du vielleicht selbst finanziert oder mit einem kleinen Grant. Jetzt geht es darum, das Produkt auf den Markt zu bringen.

Der Finanzplan muss zeigen: Was kostet die erste Produktionscharge? Welche Mindestbestellmengen hat der Hersteller? Was kostet Marketing und Vertrieb? Wann erreiche ich Break Even?

Das Risiko ist höher als beim reinen Handel. Du musst in Produktion investieren, bevor du weißt, ob der Markt das Produkt annimmt. Für klassische Banken ist das oft zu unsicher. Ein Business Angel oder ein kleiner VC Fund sind hier die typischen Partner.

Beispiel 3: Deep Tech und R&D intensive Geschäftsmodelle

Situation: Du hast eine neue Batterietechnologie entwickelt und brauchst Kapital für den Bau und die Zertifizierung eines Prototyps.

Die Finanzplan Logik:

Hier wird es komplex. Die Entwicklungszeit ist lang, die Kosten sind hoch, und es gibt erhebliche technische Risiken. Der Weg zum Umsatz dauert Jahre, nicht Monate.

Der Finanzplan muss in Meilensteinen denken: Was kostet der Prototyp? Was kostet die Zertifizierung? Wann ist der erste Pilotkunde möglich? Wie viel Kapital brauche ich bis dahin?

Höchstwahrscheinlich brauchst du mehrere Finanzierungsrunden. Eine für den Prototyp, eine für die Zertifizierung, eine für die erste Produktion. Jede Runde reduziert das Risiko ein Stück und erhöht die Bewertung.

Die Investoren hier sind spezialisiert. Deep Tech Fonds, strategische Investoren aus der Industrie, staatliche Förderungen. Sie verstehen, dass der Weg lang ist und das Risiko hoch.

Beispiel 4: Software und SaaS

Situation: Du möchtest eine KI Lösung für Qualitätskontrolle entwickeln und brauchst dafür Kapital.

Die Finanzplan Logik:

Software hat einen großen Vorteil: Nach der Entwicklung sind die Grenzkosten niedrig. Ein zusätzlicher Kunde kostet fast nichts. Aber: Die Entwicklung muss erstmal finanziert werden. Und der Vertrieb, gerade im B2B Bereich, kann lang und teuer sein.

Der Finanzplan muss zeigen: Was kostet die Entwicklung bis zum MVP? Wie lange dauert ein typischer Sales Cycle? Wie viele Kunden brauche ich für Break Even? Wie entwickeln sich die Unit Economics über Zeit?

Das Risiko liegt vor allem im Markt. Funktioniert das Produkt? Zahlen Kunden dafür? Wie lange dauert es, bis der Vertrieb anläuft? B2B Sales kann sehr zeitintensiv sein. Du brauchst Kapital, um diese Phase zu überbrücken.

Die Fundraising Strategie folgt dem Geschäftsmodell

Jetzt wird klar, warum die Funding Phasen so wenig aussagen.

Ein E-Commerce Gründer mit 50.000 Euro Warenlager-Finanzierung von der Sparkasse ist vielleicht weiter als ein Deep Tech Startup mit 2 Millionen Seed Finanzierung. Beide sind “frühe Phase”, aber ihre Situationen sind komplett unterschiedlich.

Die Logik ist einfach:

  • Wenig Risiko, klare Assets: Bank oder Eigenkapital reichen oft
  • Mittleres Risiko, überschaubarer Zeithorizont: Business Angels, kleine VCs
  • Hohes Risiko, langer Zeithorizont: Spezialisierte Investoren, mehrere Runden

Dazu kommt die Frage, wie schnell du deine Kosten decken kannst. Ein Unternehmen, das nach 12 Monaten profitabel ist, braucht eine andere Finanzierung als eines, das 5 Jahre Entwicklungszeit hat.

Was gehört in jeden Finanzplan für Startups?

Unabhängig vom Geschäftsmodell gibt es Elemente, die in jeden Finanzplan gehören:

1. Umsatzprognose basierend auf deinem Geschäftsmodell

Nicht irgendwelche Zahlen, sondern eine logische Herleitung. Wie viele Kunden kannst du realistisch gewinnen? Zu welchem Preis? Mit welcher Conversion Rate?

2. Kostenstruktur mit klarer Unterscheidung

Fixkosten vs. variable Kosten. Was skaliert mit dem Umsatz, was nicht? Wo sind die größten Kostenblöcke?

3. Cashflow Planung

Das ist der wichtigste Teil. Wann fließt Geld rein, wann fließt es raus? Wo sind die Lücken? Wie groß ist der maximale Kapitalbedarf?

4. Kapitalbedarf und Verwendung

Wie viel Geld brauchst du konkret? Wofür genau? Bis wann reicht es? Was ist der nächste Meilenstein?

5. Szenarien

Best Case, Base Case, Worst Case. Was passiert, wenn der Vertrieb langsamer anläuft? Was wenn die Kosten höher sind?

Finanzpläne für Startups müssen nicht komplex sein

Zum Schluss ein wichtiger Punkt: Ein Finanzplan für Gründer muss nicht kompliziert sein.

Ich sehe oft Finanzpläne, die vor lauter Details unleserlich sind. Hunderte Zeilen, dutzende Annahmen, aber keine klare Aussage. Das hilft niemandem.

Ein guter Finanzplan ist so komplex wie nötig und so einfach wie möglich. Er beantwortet die wesentlichen Fragen: Wie viel Geld brauche ich? Wofür? Bis wann? Was passiert danach?

Wenn du diese Fragen klar beantworten kannst, hast du einen guten Finanzplan. Egal ob du dich Startup nennst oder nicht.

Fazit: Denke in Geschäftsmodellen, nicht in Phasen

Die nächste Mal, wenn jemand fragt, in welcher “Phase” du bist, dreh die Frage um: Was ist dein Geschäftsmodell? Was musst du finanzieren? Wie hoch ist das Risiko?

Das sind die Fragen, die deinen Finanzplan bestimmen. Nicht ob du Pre-Seed, Seed oder Series A bist.

Dein Geschäftsmodell bestimmt deine Fundraising Strategie.
Dein Risikoprofil bestimmt deine Investoren.
Dein Cashflow bestimmt deinen Kapitalbedarf.

Alles andere ist Marketing.

Du brauchst Unterstützung bei deinem Finanzplan? Ich helfe dir, dein Geschäftsmodell in Zahlen zu übersetzen.

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